Flughafen Tempelhof

Führung im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin am 15.10.2016

img-20161015-wa0024In Berlin ist die jüngste Geschichte Deutschlands auf Schritt und Tritt immanent zu spüren. In der ganzen Stadt kann man Denkmäler, Wahrzeichen und Gebäude finden, die uns an diese Vergangenheit erinnern. So fanden sich an einem grauen, regnerischen Oktobertag 15 Mitglieder unseres Clubs und deren Angehörige zu einem Rundgang durch den stillgelegten Flughafen Tempelhof. Nach einer freundlichen Begrüßung durch „unseren Guide“ wurden wir in typischer launiger Berliner Art in die wechselvolle Geschichte dieses Gebäude eingeführt.

Schon 1923 wurde ein Flughafen in Berlin gebaut. Nach der Fertigstellung erwies er sich als zu klein, er wurde erweitert. Der Flugverkehr nahm in 20er Jahren rasant zu, so dass Tempelhof in seiner jetzigen Größe unter nationalsozialistischer Ägide 1937-1941 als monumentaler Bau errichtet wurde, ganz fertiggestellt, bedingt durch den Krieg, jedoch nie. 1941 war der Flughafen das flächenmäßig größte Gebäude der Welt bis es 2 Jahre später vom Pentagon abgelöst wurde. Während des Krieges wurde das Gebäude für die Rüstungsproduktion und zur Zwangsarbeit genutzt. Nach dem Krieg übernahmen die Amerikaner den Flughafen und nutzten ihn als Militärstützpunkt. 1951 begann der zivile Luftverkehr. Die Airlines der Westalliierten flogen die Berliner in die Bundesrepublik, nach Europa und Amerika. 1973 wurden mehr als 4 Mill. Passagiere befördert.

Nach der Wende und dem Abzug der Amerikaner 1993 übernahm die Berliner Fluggesellschaft wieder komplett den Betrieb. 2008 wurde der Flughafen endgültig stillgelegt. Tempelhof war zu klein geworden für die Landung der immer größer werdenden Passagierflugzeuge.

Nach dieser Einführung betraten wir erwartungsvoll und mit großen Augen den ersten Gebäudeteil und konnten einen Blick über das Vorfeld und einen sog. „Rosinenbomber“ werfen. Ein erstes „Wow“ stellte sich bei den meisten von uns sofort ein. Gespräche entfachten wie: „Mensch hier bin ich in den Siebzigern gelandet“, „weil ich fliegen musste, mein Mann war ja bei der Bundeswehr“. Immerfort wurden Erinnerungen getauscht: „ja die Transitstrecke“, „flieg doch einfach“ und „das wurde ja auch gesponsert…“.img-20161015-wa0013

Nach vielem Treppauf und Treppab wurden wir auf den Boden der Tatsachen relativ unsanft zurückgeholt. Dieser Flughafen durch wahnwitzige Ideologie geplant und entstanden in 18 Monaten Planung und 18 Monaten Bau standen wir in unfertigen Rohbautreppenhäusern und haben mit Erstaunen gesehen, wie man Stahlbeton mit Naturstein wunderschön verkleiden kann.

Nichtsdestotrotz war die geplante Achse „Weltflughafen“ mit dem Blick über die Eingangshalle in Richtung Kreuzberg und den geplanten Wasserspielen, inklusive des Brunnens vor dem Flughafen imposant.

img-20161015-wa0017Die beeindruckende Eingangshalle wäre natürlich deutlich schöner gewesen, wenn die Lichtdurchflutung des Querbaus mit der kaum noch zu erahnenden Stuck-Kassettendecke und dem Charme der dreißiger Jahre nicht so zerstört worden wäre. Trotz alledem konnte man einen Blick und eine Größe, die geplant war, deutlich spüren.

In der Eingangshalle, die nach der Entwidmung des Flughafens nun leider recht traurig wirkt, gibt es eine besondere Wand im Seitenflügel. Eine schöne Zeichnung mahnt an die dunkelste Zeit des Kalten Krieges. Durch eine logistische Meisterleistung haben die Westalliierten, die einzige Stadt im Universum, in der in alle Richtungen „Osten“, war gerettet. Dieses Gemälde soll uns daran erinnern. luftbruecke

Als am 26. Juni 1948 die Sowjetunion den Westteil Berlins mit einer Blockade einschloss, bekam Tempelhof eine besondere Bedeutung. Durch die sog. Luftbrücke der West-Alliierten, vor allem der Amerikaner, wurde die Bevölkerung mit allen notwendigen Lebensmitteln und Gütern per Flugzeug versorgt. Im 90-Sekunden-Takt starteten und landeten die Flugzeuge auf Tempelhof, später auch in Tegel und Gatow. Diese Blockade endete am 12. Mai 1949. Auch ein Denkmal vor dem Flughafengebäude erinnert an die Piloten dieser Zeit. Besonders populär wurde der Pilot Gail Halvorsen, der vom VDAC durch die Julius D. Clay Medaille in 2015 geehrt wurde. Er warf Süßigkeiten aus dem Cockpitfenster für die Berliner Kinder, andere Piloten schlossen sich an, was den Flugzeugen den legendären Namen „Rosinenbomber“ einbrachte.

Nachdem wir dann in tiefe Bunker geführt wurden, uns erschaudernd einen Einblick in die Welt der Luftschutzanlagen verschaffen und die sagenumwobenen Archive des Hansafilms erahnen konnten, war der letzte Weg auf das Dach. Bei noch immer schlechtem Wetter konnten wir noch einmal einen schönen, etwas trüben Blick über die Stadt erhalten.

Maren und Stefan Eikenberg

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